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Landsleutebrief vom 26. März 2020

26.03.2020 - Artikel

Liebe Landsleute,

heute ist Donnerstag. Gestern Abend ging ein Flug heraus, heute folgt ein weiterer. Alle Wartelisten verkürzen sich rapide, und damit die Wartezeiten auch für Sie. Danke, Sie Geduldigen!

Ein Satz zur Klarstellung heute wieder:

Wir fliegen vorerst nur Personen aus, die hier vorübergehend waren und nun festgehalten,  von den Corona-Beschränkungen erfasst sind. Solche die hier Häuser oder Fincas haben – leider nein, die müssen warten. Das ist ja sozusagen ein zweites Zuhause, in dem sie auch eine Weile gut aufgehoben sind, besser jedenfalls als bei Hotels – seien Sie noch so schön, die wollen ja auch bezahlt werden – oder bei Bekannten, oder gar, wie viele der jüngeren Wartenden, in Hostels. Bei allem Sportsgeist haben auch die sportlich und dynamischen jungen Leute keine langhaltige Lust, in Stockbetten ihre Tage abzuwarten, oder? Also fliegen immer auch ein paar junge Menschen mit, z.B. diese Woche welche, die ihre erste Arbeitsstelle am 1.April (kein Scherz) antreten sollen und die sehr fürchteten, diese Stelle zu verlieren. Dann haben wir junge Leute von den Feuerwehren, die dringend angefordert wurden, um im ländlichen Raum die Essensversorgung älterer Leute zu gewährleisten. Meist steckt hinter jedem und jeder an Bord eine Geschichte. Manche wären interessant für alle, manche sind sehr tragisch, manche sind schier gruselig. Manche machen Hoffnung. Sie müssen nicht alle kennen. Aber wir an der Botschaft kennen sie meist. Vertrauen Sie bitte weiter darauf, dass wir tun, was wir können, um bei der Auswahl gerecht zu sein – und Ihnen allen gerecht zu werden.

Residenten hier müssen ohnehin aufpassen. Der Präsident hat ein Dekret unterzeichnet und veröffentlicht, dass der- oder diejenige, die jetzt wegen CORONA ausfliegen, ihren Aufenthaltsstatus verlieren. Er will sicher verhindern, dass diejenigen, die sich dauerhaft in schönen Zeiten hier wohlfühlen sich davonmachen, wenn die Zeiten weniger schön sind. Und gewiss will er wohl auch den internationalen Reiseverkehr in Zeiten von Infektionsgefahr und Pandemie einschränken. Sonst könnte man ja rasch mal über die Grenze titschen, nach Panama, nach Nicaragua legal oder auf Dschungelpfaden, und dann kommt man wieder zurück und schleppt den Virus ein. Auch viele Zentralamerikaner, die in Costa Rica wohnen und arbeiten,  haben ja Familie in Nachbarländern. Sei es wie es sei: „Residentes“, also Leute mit Aufenthaltsstatus – aufgepasst!

Die Bundesregierung wird noch kreativer für Sie: dort, wo es keine Direktflüge mehr zu vernünftigen Preisen und in zeitlicher Nähe zu chartern gab, haben wir jetzt einen Flug, der die Mitreisenden via Zürich nach Frankfurt führen wird. Einige Mitreisende wollen in Zürich aussteigen, weil es ab Frankfurt keine Anschlussflüge in ihre Orte gäbe. So wird aus einer Not eine Tugend.

Damit – einen Teil von Ihnen sehe ich heute Abend am Flughafen und schaue hoffentlich nur in lachende Augen. Der andere Teil freut sich mit dem ersten, und weiß, er oder sie ist demnächst an der Reihe. Eine schöne, wahre  Geschichte dazu noch: eine junge Frau hatte einen Platz ergattert, doch dann meldete sich jemand, ein ernsthaft chronisch Kranker, der das vorher nicht angegeben hatte. In seiner Verzweiflung kam er auf uns zu, wissend, dass er einen großen Fehler gemacht hatte. Tja, das war nicht leicht.

Ich habe die junge Frau gebeten, wieder auszusteigen. Sie hatte feuchte Augen, nickte aber und hat ihm aber ihren Platz freigemacht. Und heute schreibt mir die Mutter, dass sie ihre Tochter lieber heute als morgen zu Hause hätte, aber dass sie meine Entscheidung richtig fand.

Und da schreibe ich zurück: einen feinen, verantwortungsvollen und ethischen jungen Menschen haben Sie erzogen!  Das ist die größere Leistung als meine. Und da freut man sich doch.

Ihre
Martina Nibbeling-Wrießnig

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