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Landsleutebrief vom 25. März 2020

25.03.2020 - Artikel

Liebe Landsleute,

guten Morgen vor einem strahlend blauen Himmel, wie ihn die hiesige Trockenzeit normalerweise nur für glückliche Urlauber und Urlauberinnen darbietet. Heute wird er für glückliche Auszureisende bereitgehalten!

Alle Mitreisenden der ersten beiden Flüge sind sicher mittlerweile daheim.  Eine Passagierin war so nett, mir ein Foto ihrer strahlenden Miezekatze zu schicken, um die Ankunftsfreude ins Bild zu setzen. Auch bei Ihnen wird sich Familie, Hund, Katze, Meerschweinchen oder Hamster freuen, nur noch ein bisschen Geduld. Sie bekommen wir auch noch nach Hause!

Für Sie habe ich die gute Nachricht, dass wir jetzt bis Ende nächster Woche fast tägliche Flieger haben. Heute Abend geht der Dritte, einige haben schon Bescheid wegen Morgen, dann folgt Freitag… Es ist nur eine Frage der Zeit, bis wir Sie ALLE  heimbekommen.

Und weil ich darauf angesprochen wurde, verzeihen Sie mir den eitlen Hinweis: nein, es sind nicht die Reiseveranstalter, die diese Rückholflüge organisieren, wegen derer sie mit uns in Kontakt stehen. Es ist allein die Deutsche Botschaft, zusammen mit dem Krisenzentrum der Bundesregierung im Auswärtigen Amt und den dazu gecharterten Fluglinien. Und ganz ehrlich: wenn der letzte von Ihnen abfliegt, werden wir erstmals in Wochen einmal ausschlafen. Im Moment sind wir ziemlich rund um die Uhr im Einsatz. Bei Ihren Reiseveranstaltern, die von der Situation ja auch überwältigt wurden, müssen Sie sich – je nach Lage – für Transporte zum Flughafen, Verlängerung der Hotelunterbringung und Beratung etc. bedanken. Auch die leisten einen harten Job, noch dazu mit ungewisser Aussicht, wenn Sie nicht jetzt schon überlegen, wann Sie wiederkommen wollen, wenn diese Pandemie vorbei ist.

Für unsere europäischen Nachbarn ist die Lage noch vertrackter. So konnten wir noch vor kurzem einzelne französische Touristen mitnehmen, nun aber gibt es angesichts geschlossener Grenzen keine Möglichkeit mehr, noch aus Frankfurt nach Hause zu kommen. Das tut mir sehr leid. Mitgenommen haben wir eine kleine Gruppe von polnischen Nachbarn, solange die Grenze noch offen war. Sie schicken Ihnen allen ihren herzlichen Dank für die Solidarität. Tschechien hat einen eigenen Rückholflug organisiert, aus Großzügigkeit und nach Gesprächen der Außenminister eine Gruppe Deutscher nach Prag mitgenommen. Es wurde sogar einen Bus organisiert, damit sie noch nach Deutschland weiterkamen. Aber auch Griechen, Esten, Dänen, Italiener, Schweizer, Rumänen und Bulgaren, Liechtensteiner, Luxemburger etc. raufen sich gerade die Haare. Wir helfen zumindest solchen Nachbarn in Notfällen, bei der Ausreise von Kindern oder medizinischen Notfällen. Das ist gelebtes Europa, und das freut mich zutiefst. Erlauben Sie mir deshalb eine kleine Reflexion:

Als ich zur Schule ging, musste ich an Grenzen mit meinem Fitzken (niederrheinisch für Fahrrad) und Kinderausweis über 3 Stunden warten, bis ich nach Holland zum Markt fahren konnte, Käse, Fisch und Lakritz (sautjes) kaufen. Das Dorf war nur 2 Kilometer entfernt!  Machen wir uns eigentlich klar, was wir uns alles in den letzten Jahren erarbeitet haben? Dass Sie Pässe haben, mit denen Sie weltweit in nahezu alle Länder ohne Visa zum Urlaub verreisen können? Dass Sie europäische Grenzen, wenn nicht gerade Corona-Krise herrscht, mal eben winkend überfahren können, um auf der anderen Seite spazieren zu gehen, einzukaufen, ein Schloss zu besichtigen oder in die Disko zu fahren? Dass Sie als junge Menschen mit Erasmus und EU-Förderung mal eben im Ausland studieren oder ein Praktikum machen können? Dass Ihre Lehrabschlüsse europaweit anerkannt werden?

Wussten Sie, dass ein deutscher Pass damit weltweit an Stelle 1 steht? Mit uns sind dabei noch die USA. Dann kommt ganz lange nix. Reisen ohne Heckmeck, noch dazu mit vielen preisgünstigen Flügen.

Wenn Sie schon lebensälter sind, denken Sie mal mit mir nach: wo stehen wir  heute? Wie fit sind wir, welche medizinische Unterstützung haben wir schon erhalten? Wie wohnen wir?

Wie ging es Ihren Eltern und Großeltern, als sie das gleiche Alter hatten? Welche Möglichkeiten hatten die zu reisen, Urlaub zu machen? Schauen Sie mal Fotos an. Ich weiß nicht, wie es bei Ihnen war, aber meine Oma trug ab 50 ein dunkelblaues Kostüm mit Kopftuch oder eine Kittelschürze. Und so ging es damals ganz überwiegend allen.

Also freuen wir uns des Lebens! Dies jetzt ist ein „ungeplanter Zwischenaufenthalt“. Danach wieder: PURA VIDA!

Ich danke Ihnen ganz, ganz herzlich für Ihre freundliche Kooperation.

 

Ihre

Martina Nibbeling-Wrießnig

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