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Landsleutebrief vom 24. März 2020

24.03.2020 - Artikel

Liebe Landsleute,

und weg ist der zweite Flieger mit weiteren medizinischen Notfällen, Minderjährigen, Kranken und einzelnen Glücklichen, in die Heimat! Gestern Abend um Mitternacht war es soweit.

Mittwoch folgen die weiteren Notgruppen und mit jedem Flug steigt dann die Zahl der Glücklichen. Wie wird man Glückliche/r? Wir greifen in die Lostrommel der ELEFAND und Rückhol-Listen. Ich hoffe Sie haben Verständnis dafür, dass wir die Gruppen der 30-50 Jährigen nicht links liegen lassen, sondern dann, wenn wir die dringendsten Fälle abgearbeitet sein sollten, eben auch an die Familien gehen. Bitte neiden Sie es Ihren Mitmenschen, Mithotelbewohnern, Ihren Womöglich-Mit-Reisegruppen-Bekannten oder alten oder neuen Freunden nicht, wenn diese diesmal die Glückspilze sind und nicht Sie. Mit jedem und jeder Ausreisenden wird die Warteliste kürzer!

Ich möchte Ihnen etwas von unseren Schwierigkeiten bei der möglichst gerechten Auswahl berichten. Einerseits sind da Härtefälle, die zwar ganz gesund aussehen, es aber nicht sind. Es sind heimtückische Krankheiten, in solchen Fällen. Die treffen Alte wie Junge. Es ist schlimm genug, uns das zu schildern, bitte vertrauen Sie uns. Erwarten Sie nicht, dass sie es immer Ihnen auch allen beschreiben, würden Sie das in der Lage wollen?

Häufig machen wir auch die Erfahrung im persönlichen Gespräch, dass eine Ausreise super dringend ist, dann aber lieber doch ein Platz nicht angenommen wird, weil der Partner /die Partnerin gleichzeitig mitausreisen soll – und dann ist alles doch nicht mehr so dringend, wenn eben keine zwei Plätze mehr zur Verfügung stehen. Wir verstehen das ja, weder will man sich allein von Frankfurt nach Hause kämpfen, noch will man, dass zweimal Angehörige fahren, um erst einen, und später einen anderen dort abzuholen. Weder will man auch Ungewissheit haben, wann die Partner denn womöglich nachkommen können, noch will man gern den Partner oder die Partnerin hier alleine lassen. Verstehen wir alles. Ist nur menschlich.

Und doch müssen wir das Flugzeug jeweils mit den dringenden Fällen füllen. Wenn ich fünf gleichermaßen dringende Fälle habe, von denen jeder nur einen Sitz benötigt, und ein anderer 2, 3, 5  oder mehr, wie würden Sie vorgehen? Wie würden Sie entscheiden? Fragen Sie bitte Ihr Gewissen.

Dabei seien Sie versichert, wir geben uns alle Mühe zu größtmöglicher Gerechtigkeit. Wir wollen ganz gewiss keine Familien auseinanderreißen. Trotzdem sind Anästhesisten, Notfallärztinnen, Krankenpfleger, -schwestern und Rettungswagenfahrer jetzt dringend gebraucht. Und das, auch wenn die anderen noch ein paar Tage mehr „Mensch-Ärgere-Dich-Nicht!“ in einem möglicherweise schnöden Hotelzimmer spielen müssen. Dass Sie frustriert sind, weil Sie ja eigentlich überhaupt für Ihren Traumurlaub hierhergekommen sind: um Faultiere, Tukane, Jade und Gold, Vulkane und Strände zu sehen, ist uns schon klar. Diese Krise hat sich niemand herbeigewünscht. Aber wir stehen Sie jetzt durch.

Wir sind übrigens auch frustriert, denn in der nächsten Woche hatte der Bundespräsident den Besuch des costa-ricanischen Präsidenten in Deutschland von 2019 erwidern wollen – wir hatten alles vorbereitet. Wie schön wäre das für die bilateralen Beziehungen gewesen? Aber: C’est la vie. Es gibt für uns wie für Sie hoffentlich eine zweite Chance, nicht wahr?

Die Regierung – in Gestalt unseres wackeren Außenministers – hat in dieser Woche noch zwei Flüge nach dem Mittwochsflug organisiert (und womöglich geht es schon am Sonntag weiter mit weiteren Flügen). Dafür ist in Berlin ein ganzer Krisenstab und ein 24/7 Lagezentrum im Einsatz. Also bitte: Handys in Bereitschaft, wir melden uns! Nicht bei allen, es sind mehr als 2600 – aber bei einigen gewiss, und später bei den anderen… Weil wir Nachfragen hatten: um ganz sicher zu gehen, lassen wir jetzt auch Telefone mit deutschen Nummern zu. Dabei unterstellen wir Ihr Einverständnis, denn selbst wenn wir Sie dann anrufen, wird das teuer. Wenn Sie noch eine Handynummer nachtragen wollen, schicken Sie uns bitte eine kurze E-Mail an die -Adresse, wir nehmen die dann in die Liste auf. Oder rufen Sie per Telefon durch.

Vor solchen Änderungen sind wir auch künftig nicht gefeit. Bitte haben Sie Verständnis. Ich muss halt sehen, wie ich die Aktion bestmöglich managen kann, und die Umstände verändern sich laufend. Darüber kann man sich aufregen und meine Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen anfeixen, oder eben nicht. Ganz feine Menschen tun das ohnehin nicht, oder – so gestern geschehen – haben sogar die Größe, sich für so einen Ausrutscher in aller Form zu entschuldigen. Danke dafür! Das hat gut getan!

Gemeinsam schaffen wir das. Wir rudern dieses Boot gemeinsam.

Ihre Botschafterin,

Ihre

Martina Nibbeling-Wrießnig

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